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24. Bundeswettbewerb

Der Abschlussbericht des 24. Bundeswettbewerbs "Unser Dorf hat Zukunft" ist erschienen. Zum Download

Der 24. Bundeswettbewerb "Unser Dorf hat Zukunft" 2013 ist entschieden... mehr

 

Landeswettbewerbe

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Bioenergiedorf Jühnde

Zuverlässige Versorgung aus der eigenen Bioenergieanlage
 
Nachdem die Preise für landwirtschaftliche Produkte sich immer mehr an das Weltmarktniveau angeglichen haben, bieten sie für die heimischen Landwirte kaum noch rentable Produktionsbedingungen. Die Alternative „Direktvermarktung“, mit der sich höhere Preise realisieren ließen, setzt besondere Rahmenbedingungen voraus, mit denen sich nur einige wenige Landwirte auf einem ohnehin begrenzten Markt behaupten können. Unersättlich ist dagegen der Energiehunger. Die Möglichkeit, nicht nur die Biomasse als Rohstoff zu produzieren, sondern selbst zum Energielieferanten zu werden ist deshalb für Landwirte äußerst reizvoll.

Das Beispiel des niedersächsischen „Bioenergiedorfs“ Jühnde zeigt, wie es möglich ist, ein ganzes Dorf energieautark zu machen. Die Idee stammt vom Interdisziplinären Zentrum für Nachhaltige Entwicklung der Universität Göttingen (IZNE), das das Projekt bis heute intensiv begleitet. Bereits die Zusammensetzung des Universitätsteams mit Psychologen und Sozialwissenschaftlern macht deutlich, dass es nicht in erster Linie technische Herausforderungen zu meistern gab, sondern die Erfolgsfaktoren mindestens ebenso sehr im sozialen und kommunikativen Bereich lagen. Wichtigste Akteure aber wurden zunehmend die Jühnder selbst, zu denen noch neun Vollerwerbslandwirte zählen.

Das Bioenergiedorf Jühnde
Mittelpunkt ist eine Biogasanlage mit einer Leistung von 700 KWel. Hierfür liefern die Jühnder Landwirte ca. 17.000 Tonnen Biomasse wie Mais, Ganzpflanzensilage und Sonnenblumen. Dazu wird eine Fläche von ca. 300 Hektar benötigt. Hinzu kommen rund 9.000 m³ Gülle, die von einem Mitarbeiter der Betreibergesellschaft bei den Landwirten abgeholt wird. Das aus der silierten Biomasse im Fermenter erzeugte Biogas wird im Blockheizkraftwerk (BHKW) verstromt und liefert im Jahr ca. 4 Millionen KWh, die in das Netz des örtlichen Stromversorgers eingespeist werden.
Die bei der Stromproduktion im BHKW anfallende Wärme wird über ein Nahwärmenetz an die Jühnder Haushalte verteilt. Hierzu wurden 3,5 Kilometer Haupt- und 2 Kilometer Hausanschlussleitungen verlegt. 140 Jühnder Haushalte (rund 70 Prozent) sind an das Nahwärmenetz angeschlossen. Mit der Wärme aus dem BHKW kann bereits ein Großteil des Wärmebedarfs gedeckt werden, wobei im Sommer ein leichter Wärmeüberhang besteht. Für den Winter steht ein Holzhackschnitzelheizwerk als Spitzenlastkessel mit einer Leistung von 550 KWth zur Verfügung, für das im Jahr rund 1.800 Schüttraummeter Holzhackschnitzel aus den umliegenden Wäldern geerntet werden. Zur Sicherheit kann ein zusätzlicher Ölkessel die Versorgung komplett übernehmen. Den Gärrest aus der Biogasanlage bringen die Landwirte als hochwertigen Dünger wieder auf ihre Felder. Die zuvor mit der Gülleausbringung verbundenen Geruchs- und Trinkwasserprobleme konnten damit deutlich entschärft werden.

Jühnde selbst brauchte für die Realisierung des rund 5,3 Millionen Euro teuren Projektes massive Unterstützung aus verschiedenen Fördertöpfen. Maßgeblich beteiligt war die Fachagentur für nachwachsende Rohstoffe (FNR), die zunächst die Finanzierung der Begleitforschung übernommen hatte. Die Planungs- und Genehmigungsphase wurde mit rund 55.000 Euro aus LEADER+ unterstützt. In der Investitionsphase stellte die FNR mit 1,3 Millionen Euro einen wesentlichen Anteil der Investitionskosten für das Nahwärmenetz, und am Ende haben sich das Land Niedersachsen und der Landkreis Göttingen mit einem Förderbetrag von je 100.000 Euro zu dem Projekt bekannt.

Das Potenzial und die Einsatzbereitschaft der Dorfbevölkerung sind bis heute ungeheuer groß. In acht Arbeitsgruppen werden unterschiedlichste Themen wie Konzepte zur Bereitstellung der notwendigen Biomasse oder für ein Betreibermodell erarbeitet. Bei Letzterem haben sich die Jühnder für die Variante „Genossenschaft“ entschieden. Darin sind die Landwirte als Biomasseproduzenten und Wärmekunden und die angeschlossenen Dorfbewohner gleichermaßen vertreten. Jedes Mitglied entscheidet mit, unabhängig von der Höhe des eingebrachten Genossenschaftsanteils. Die Betreibergesellschaft stellte eine Vollzeit- und eine Teilzeitkraft ein, die den Betrieb der Anlage sicherstellen und die Abrechnungen mit den Landwirten und Wärmekunden vornehmen.

Vom „Dorf in Randlage“ zum touristischen Highlight
Mit dem Start der Wärmeversorgung 2005/2006 wurde ein großes Interesse bei Politikern und den Medien geweckt und ein wahrer Run auf den 750 Einwohner zählenden Ort ausgelöst. Zugute kam dem Projekt dabei, dass die Heizöl- und Erdgaspreise zur gleichen Zeit in astronomische Höhen geklettert waren. Mit jedem Schritt der Realisierung stieg das Interesse am Bioenergiedorf stetig an. Im ersten Halbjahr 2006 konnten die Jühnder bereits über 3.000 Besucher auf der Anlage begrüßen. Inzwischen vergeht kein Tag, an dem nicht mindestens eine Führung stattfindet.

Das Bioenergiedorf als touristischer Anziehungspunkt mit internationaler Wirkung – einerseits ein Glücksfall für die LEADER+ Region, die sich auch vorgenommen hatte, touristisch stärkere Akzente zu setzen. Andererseits eine Herausforderung für die Jühnder: Trotz der idyllischen Lage im Göttinger Bergland waren Touristen im Ort bislang eher die Ausnahme, eine entsprechende Infrastruktur fehlte fast völlig.

Im Rahmen eines laufenden LEADER+ Projektes werden die erforderliche technische Ausstattung zur Betreuung der Gruppen angeschafft und Informationstafeln für das Betriebsgelände erstellt. Noch wichtiger war die Ausbildung von Gästeführern, die auch über technische Details der Anlage Bescheid wissen. Fünfzehn Jühnder haben an einem gemeinsam mit der ländlichen Erwachsenenbildung organisierten Kurs teilgenommen und stehen nun zur Verfügung. Die Termine werden über eine zentrale Anlaufstelle vergeben; auf Wunsch werden Verpflegung und Übernachtungsmöglichkeiten organisiert. So profitieren auch die örtliche Gastronomie vom Zustrom der Gäste. Um die notwendige Kofinanzierung für dieses LEADER-Projekt aufbringen zu können, stellten die Jühnder einen Antrag bei der niedersächschischen Lottostiftung und erhalten nun 25.000 Euro aus Mitteln der Umweltlotterie „Bingo“.

Jühnde macht Schule
Einen weiteren Ansturm erlebt Jühnde inzwischen aus der unmittelbaren Nachbarschaft. Grund dafür ist, dass der Landkreis Göttingen sich vorgenommen hat, dem Pilotvorhaben, möglichst fünf weitere Bioenergiedörfer folgen zu lassen. Nach dem Erfolg in Jühnde stellte der Kreistag hierfür mit einmütiger Unterstützung aller Fraktionen 150.000 Euro zur Verfügung. Im Rahmen eines weiteren LEADER-Projektes werden nun die am besten geeigneten Dörfer gesucht und dort jeweils die Erfolgsaussichten in einer Machbarkeitsstudie überprüft. Der hohe Heizölpreis macht es inzwischen wahrscheinlich, die eigentliche Investition in den Folgedörfern auch ohne großen Fördermittelanteil realisieren zu können.

Nähere Informationen
Dr. Hartmut Berndt
Regionalmanagement LEADER+
Reinhäuser Landstr. 4
37083 Göttingen

Tel. (05 51) 52 54 22
E-Mail: leader@goettingerland.de
www.goettingerland.de
www.bioenergiedorf.de

Gebietsdaten

LAG im Landkreis Göttingen (Niedersachsen)

Fläche: 1.019 km2
Einwohnerzahl: 92.768
Bevölkerungsdichte: 91 Einwohner/km2
(Deutschland: 231 Einw./km2)

Landschaftsart: Naturraum mit hoher ökologischer Wertigkeit